Adventskalender mit Thalea Storm - Türchen Nr.16

Das heutige Türchen bei Thaleas Storms Adventskalender darf bei mir geöffnet werden, und darauf habe ich mich ganz besonders gefreut, denn:
Thalea hat extra für uns eine eigene Kurzgeschichte geschrieben, mit Wörtern, die ich ihr vorgegeben habe:
·         Verlorener Handschuh
·         Schneeflocken
·         Knisterndes Kaminfeuer
·         Rätselhafte Spuren im Schnee
·         Ein weinendes Mädchen
·         Ein verschütteter Glühwein
·         Briefkasten
·         „self-fullfilling-prophecy“
·         Musik
·         Pippi Langstrumpf
Und herausgekommen ist eine zauberhafte Weihnachtsgeschichte!
Viel Spaß beim Lesen und ein dickes Dankeschön an Thalea!
 


 
Eine Weihnachtsüberraschung
Die letzten Tage vor Heilig Abend bedeuteten für Babara, genannt Babsi, und ihre beiden Kinder immer das totale Chaos. Als alleinerziehende Mutter, die auch noch im Einzelhandel tätig war, hieß das nicht nur, Überstunden ohne Ende, sondern vor allem auch wenig Familienzeit. Manche Jahre musste sie sogar bis zum Weihnachtsabend im Geschäft sein, sodass die besinnlichen Stunden bei ihr schlichtweg ausblieben. Dabei sehnte sich wirklich nach einem ruhigen Fest, einer geschmückten Wohnung, zahlreichen Geschenken und dem Mann fürs Leben. Ja, ein neuer Papa wäre vor allem für die kleine Julie wichtig. Und auch sie selbst vermisste eine warme, starke Schulter zum Anlehnen. Doch den Traum hatte sie bereits vor einiger Zeit aufgegeben. Scheinbar hatte das Leben andere Pläne mit ihr und sie kamen ja auch ohne einen Papa gut zurecht.
Außer, wenn es um Elternabende in der Schule ging.
Oder Paul mit ihr nicht mehr über „Jungenszeug“ reden wollte.
Oder Julie von Klassenkameraden gehänselt wurde, weil sie nur eine Mutter hatte.
Oder wenn Geburtstage waren.
Oder… ja, oder wenn eben einfach Weihnachten war.
Sie hatte da ja eine Idee für einen neuen Mann an ihrer Seite. Aber die war völlig absurd und glich eher einer Teenager-Schwärmerei. Zumindest fühlte sie sich in seiner Nähe wie damals mit 14 auf dem Take That Konzert.
„Na, grübelst du schon wieder über Prince Charming?“, unterbrach Susann, ihre Kollegin und gleichzeitig beste Freundin, Babsis Gedankengänge.
„Nee, gar nicht.“
„Und warum sabberst du dann, während du Chris in der Gemüseabteilung beobachtest?“, lachte Susann und Babsi fuhr sich automatisch verlegen über den Mund, obwohl die Worte der Freundin natürlich gelogen waren.
Aber Chris… ja, den hatte sie wirklich schon länger im Visier. Wenn er mit seinem hochgekrempelten Hemd die Obst- und Gemüsekisten durchs Geschäft trug und sich vor Anstrengung seine starken, männlichen Adern auf den Unterarmen abzeichneten, wurde ihr wirklich ziemlich warm. Offensichtlich zu warm, wenn selbst Susann es mittlerweile gesehen hatte. Zudem war er unheimlich nett und charmant.
„Sprich ihn doch einfach an!“, schlug sie vor.
„Ansprechen? Du spinnst doch. Der ist nie im Leben noch Single. Und noch weniger will er eine alleinerziehende Mutter haben.“
„Du siehst nicht aus wie eine typische Mutter. Dein Po ist noch ganz knackig.“, lachte Susann beim Weggehen und schlug ihrer Freundin spielerisch auf den Hinter.
„Hey!“, kicherte Babsi, wich zurück und riss damit den Aufsteller mit den Glühweinflaschen hinter sich zu Boden. Die Scherben flogen durch den halben Laden und Eltern hoben ihre Kinder mit wütenden Blicken nach oben, um sie vor der klebrigen Brühe und den Glassplittern zu retten.
„Oh nein!“, jammerte sie und ging sofort in die Knie, um das Gröbste aufzusammeln. „Kann ich dir helfen?“, hörte sie die männliche Stimme hinter sich und sah direkt in Chris‘ schöne, grüne Augen. Normalerweise hätte ihr das zumindest einen Moment Atemnot und einen aussetzenden Herzschlag gekostet, doch dafür blieb keine Zeit.
„Schon gut, danke, ich kriege das hin.“, gab sie stattdessen ziemlich reserviert zurück und Chris‘ freundlicher Blick verdunkelte sich einen Moment. „Ich wollte nur…“
„Nein, wirklich, danke.“, wehrte sie ihn ab. Das ließ er sich nicht zweimal sagen und verschwand zurück in seine Abteilung.
Während Babsi noch immer nach Scherben suchte, tauchte Susann mit einem Wischeimer auf und schüttelte den Kopf. „Hast du sie noch alle? Das war deine Chance!“
„Was meinst du?“
„Chris meine ich. Warum hast du ihn nicht helfen lassen?“
„Ach komm, auf falsche Hoffnungen habe ich keine Lust. Was will er von einer Frau wie mir? Zum Wischen brauche ich ihn nicht, das schaffe ich alleine.“, wütend riss sie ihrer Freundin den Eimer aus der Hand und machte sich an die Arbeit. Wobei sie gar nicht wusste, worüber sie wirklich so wütend war.
„Ja, wenn du so an die Sache herangehst, wird es wahrscheinlich nie was werden. Dann bist du aber selbst schuld. Weißt du wie man das nennt? Self-fullfilling-prophecy!“
Babsi zog die Augenbrauen nach oben und schaute ihre Freundin skeptisch an. Der Kurs in Psychologie hatte ihr offenbar geschadet. Ständig warf sie mit diesen Fachbegriffen um sich.
„Was redest du da?“
„Na ist doch ganz einfach: Du glaubst, ein Mann wie Chris würde sich nie in eine Frau wie dich verlieben. Also hast du auch eine sehr negative Ausstrahlung und sorgst unbewusst dafür, dass er sich wirklich nicht für dich interessiert. Fazit: Du hast das selbst herbeigeführt.“
„Aha.“, grummelte Babsi und wischte den letzten Glühweinfleck auf. Der Geruch hing schwer und betäubend in der Luft und ihr wurde beinahe übel davon. „Bist du jetzt fertig, Psychiaterin Susann?“
Ihre Freundin lächelte, schnappte sich die Tüte mit den Scherben und den Eimer und trug ihn weg, während Babsi sich die Hände an der Schürze abwischte und einmal tief durchatmete.
Self-fullfilling-prophecy.
So ein Quatsch.
„Mom! Paul will nicht mit mir zum Weihnachtsmarkt gehen!“, quietschte in diesem Moment die Stimme ihrer Tochter hinter ihrem Rücken los.
Das hatte ihr gerade noch gefehlt.
„Meine Freunde sind da! Wie sieht das denn aus, wenn ich dort mit meiner kleinen Schwester rumlaufe?“, schimpfte der Junge direkt hinterher.
Babsi schloss kurz die Augen, bevor sie sich umdrehte und in Julies tränennasses Gesicht blickte.
„Haben wir nicht darüber geredet, dass ihr nicht ständig hier auftauchen könnt, wie es euch gefällt? Ich bekomme Ärger dafür.“
„Aber er will nicht zum Weihnachtsmarkt gehen.“, jammerte Julie einfach weiter, ohne den Worten der Mutter Beachtung zu schenken.
„Mom!“, bat Paul mit einem verzweifelten Blick.
„Wir sind in Deutschland - nenn mich Mama.“
Der Junge lächelte. „Alle werden mich auslachen, wenn ich mit ihr dort auftauche.“
Er war jetzt vierzehn Jahre alt und langsam aber sicher gingen seine Interessen eigene Wege. Sie konnte das schon verstehen. Andererseits wusste er, wie sehr sie seine Hilfe brauchte, besonders im Bezug auf die fünfjährige Julie.
Trotzdem gab Babsi sich einen Ruck und strich ihre eigenen Pläne, wonach sie nach Feierabend noch die Geschenke der Kinder besorgt hätte. Das konnte sie immer noch tun.
"Okay, pass auf Julie, was hältst du davon, wenn wir zwei zusammen gehen? Wir machen einen richtigen Mädelsausflug!“
„Oh ja, mit den Mandeln und dem Karussell?“ hüpfte die Kleine vergnügt und Babsi strich ihr über das blonde Haar.
„Ja, Süße. Aber nur, wenn du mir versprichst, hinten im Aufenthaltsraum ganz lieb zu warten, bis ich fertig bin. Es dauert noch einen Moment. Du kannst malen. Stifte und Papier müssten noch dort sein.“
Schneller, als ihre kleinen Füße sie tragen konnten, flitzte das Mädchen los. Sie kannte den Weg.
„Danke Mom.“
„Mama.“
„Ja, schon klar.“
Sie lachten.
Zu ihrem Großen hatte sie eine ganz besondere Beziehung. Vielleicht auch gerade deswegen, weil er ihr nach dem Tod des Vaters eine solch bedeutende Stütze gewesen war.
„Sei vorsichtig. Und komm nicht so spät.“
„Bestimmt nicht.“, rief er noch, bevor er durch die Ladentür hinausrannte. In dem Chaos aus dicken Schneeflocken, verschwanden seine Umrisse schnell und Babsi machte sich umgehend daran, die letzten Arbeitsaufgaben zu erledigen.
Wie erwartet herrschte auf dem Weihnachtsmarkt trotz des frühen Abends reges Treiben. Leuchtende Kinderaugen, rote Nasen, Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern und knirschender Schnee unter den Schuhen - all das trug dazu bei, dass Babsi erstmals wirklich in Weihnachtsstimmung kam.
„Hast du deinen Wunschzettel vorhin fertiggemalt?“, fragte sie ihre Tochter, während diese mit offenem Mund von einem Stand zum nächsten zog. Das erste Karussell hatten sie schon hinter sich und wenn es nach Babsi gegangen wäre, hätte das völlig gereicht.
Noch bevor sie die nächste Attraktion erreichten, schlüpfte Julie aus ihrem Handschuh, kramte in ihrer Jackentasche und zog einen ziemlich schief zusammengefalteten Zettel heraus.
„Da! Fertig!“
„Und? Was wünschst du dir?“ Babsi beugte sich nach vorne und nahm ihrer Tochter das Papier ab. Die bunten Bilder darauf gaben ihr einen Hinweis auf die Wünsche des Mädchens. „Bücher? Einen Hund? Eine Puppe?“
„Das ist keine Puppe, Mama. Das ist Pipi Langstrumpf.“, empört stemmte die Kleine die Hände in die Hüften und Babsi musste lachen.
„Okay, entschuldige. Was ist denn mit Pipi?“
„Ich will einen Film haben von Pipi.“
„Aber der kommt doch so oft im Fernsehen.“
„Ich will ihn trotzdem haben.“
Babsi seufzte. „Was du so alles möchtest.“ Gerade, als sie den Zettel zusammenfalten wollte, fiel ihr die Zeichnung auf der Rückseite auf.
„Was ist das?“
„Vorne war es zu voll. Das da bist du,“ sie zeigte auf eine hochgewachsene, weibliche Figur und ging dann der Reihe nach durch, „dort ist Paul, ich bin hier und das ist unser neuer Papa.“
Babsi spürte einen unangenehmen Stich im Magen. Obwohl Julie beim Tod des eigenen Vaters noch sehr klein war, schien sie die Vaterfigur schrecklich zu vermissen.
„Julie, hör zu, ich…“
„Vielleicht bringt der Weihnachtsmann mir einen neuen Papa.“
„Ich glaube nicht, dass…“
„Ich war nämlich richtig lieb dieses Jahr.“
Babsi gab es auf und zwang sich zu einem Lächeln.
„Okay. Lass uns den Wunschzettel abschicken, ja?“
„Oh ja!“, hüpfte das Mädchen aufgeregt auf und ab und griff nach der Hand der Mutter. Gemeinsam kämpften sie sich durch die Menschenmenge, bis sie ganz am Ende des Marktes endlich die Weihnachtsmann-Station vorfanden. Babsi freut sich jedes Jahr darüber, dass ausgerechnet auf ihrem Markt noch solch eine Tradition gepflegt wurde. Sie selbst kannte es aus ihrer Kindheit: Das Sitzen auf dem Schoß des alten Mannes, während man ihm seine Wünsche zuflüsterte. Nun profitierten auch ihre Kinder jährlich davon. Erst Paul und nun auch Julie.
In einem großen, weißen Sessel saß der Weihnachtsmann und winkte ihnen bereits zu, als Julie auf ihn zulief.
Mit einem tiefen: „Fröhliche Weihnachten, mein Kind!“, hob er sie hoch und setzte sie auf seine Knie. Früher war sie in dieser Situation dem Tränenausbruch nahe gewesen, doch heute saß sie selbstsicher und begeistert bei ihm und ihre Augen strahlten vor Aufregung. Babsi stand lächelnd an der Seite und beobachtete das Geschehen schweigend.
„Warst du denn auch immer artig?“
„Oh ja, ganz doll. Frag meine Mama.“, gab die Kleine schlagfertig zurück und nicht nur der Weihnachtsmann, sondern auch die anderen wartenden Eltern konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Und was wünschst du dir zu Weihnachten?“
„Bücher und Pipi Langstrumpf Filme und einen Hund und…“, und da schwieg sie. Eben noch so selbstbewusst und aufgedreht, saß sie nun mit traurigem Blick auf dem Schoß des Weihnachtsmanns und sagte kein Wort mehr.
„Und?“, versuchte dieser es weiter.
„Einen Papa.“ Die Menge wurde still und jeder schaute verlegen auf seinen Nachbarn, seine Kinder oder die eigenen Füße. Ein kleines Mädchen, dass sich einen Vater zu Weihnachten wünschte? Das brach selbst das unterkühlteste Herz.
Auch der Weihnachtsmann selbst wusste darauf nicht viel zu sagen und versuchte Julie wieder aufzumuntern.
„Hast du deinen Wunschzettel dabei?“
„Hm, ja!“, rief sie und hüpfte von seinem Knie, wohlwissend, was jetzt geschehen würde.
„Dann wirf ihn in den Wünsche-Briefkasten.“
Per Knopfdruck entstand Nebel neben dem alten Mann und aus dem Boden kam ein bunter, weihnachtlich dekorierter Briefkasten empor. Julie lief hin, öffnete die quietschende Klappe und warf den Wunschzettel hinein.
„Auf das all deine Wünsche in Erfüllung gehen, mein Kind.“, rief der Weihnachtsmann noch, bevor er sich auch bei Babsi lächelnd verabschiedete und sich dem nächsten Kind zuwandte.
„Hast du das gesehen, Mami?“
„Ja, Süße.“
„Ob er sie mir erfüllt?“
Babsi ging in die Knie und nahm ihre Tochter in den Arm. „Schauen wir mal.“, flüsterte sie und das kleine Mädchen seufzte. Diese Worte hatte sie scheinbar in letzter Zeit so oft gesagt, dass selbst Julie schon wusste, was sie damit anzufangen hatte.
„Möchtest du noch irgendwo mitfahren?“
Julie schüttelte den Kopf. „Ich hab Hunger.“
„Okay, Pommes?“
„Nudeln!“
„Aber die gibt’s hier glaub ich gar nicht.“, suchend ließ Babsi ihren Blick über die Menge gleiten.
„Zu Hause schon.“, kicherte die Kleine und Babsi stimmte ein.
„Na dann komm. Handschuhe an und los geht’s.“
Plötzlich wurde Julie hektisch und durchwühlte ihre Jacken- und Hosentaschen immer und immer wieder.
„Schatz, wo sind deine Handschuhe?“
„Vorhin waren sie noch da.“
Babsi seufzte.
Diesen Winter war das bereits das dritte Paar. Mittlerweile kam sie sich vor, als arbeitete sie ausschließlich für Julies hohen Handschuhverbrauch.
Als auch sie noch einmal alle Taschen an sich und Julies Kleidung untersucht hatte, resignierte sie, kaufte an einem der nächsten Stände ein neues Paar und machte sich mit dem Kind an der Hand auf den Heimweg.
In diesem Jahr hatte Babsi für Weihnachten tatsächlich frei bekommen, sodass sie gemeinsam mit ihren Kindern im Haus der Großeltern - welches nur wenige Gehminuten von ihrem eigenen entfernt lag - feiern konnte. Es war kalt an diesem Abend, ein Schneesturm fegte ums Haus, während sie alle unter dem großen Weihnachtsbaum neben dem Kamin saßen, dem knisternden Feuer lauschten und Geschenke auspackten.
Sie selbst hatte nicht viel besorgen können. Pauls neuer Schulrucksack und ein MP3-Player waren gerade so noch im finanziellen Budget gewesen. Für Julie gab es verschiedene Bücher, unter anderem zur Vorbereitung auf die Schule und alle Pipi Langstrumpf Filme. Außerdem einen kleinen Schminkkasten von Susann und von Oma und Opa zumindest einen Plüschhund. Das enttäuschte die Kleine maßlos. Aber für einen richtigen Hund fehlte nicht nur die Zeit, sondern auch definitiv das Geld.
Nachdem sich alle nach der Aufregung beim Geschenke auspacken beruhigt hatten, legte die Oma etwas Weihnachtsmusik auf, holte für die Erwachsenen Glühwein und für die Kinder heiße Schokolade und sie naschten von den selbstgebackenen Keksen, während sie sich gegenseitig Weihnachtsgeschichten erzählten. Babsi war froh, dass gerade Julie so unbeschwert daran teilnahm, obwohl sie wusste, wie es in der Kleinen wirklich aussah.
Nach dem traditionellen Abendessen - es gab Kartoffelsalat und Würstchen - klingelte es urplötzlich an der Haustür.
„Ich geh schon.“, rief Babsi ihrer Mutter zu, die gerade den Abwasch erledigte.
Wer klingelte an einem Weihnachtsabend bei anderen Leuten an der Haustür? War es nicht eigentlich klar, dass man Weihnachten mit der Familie verbrachte?
Als sie die schwere Holztür aufzog, staunte sie nicht schlecht. Vor der Haustür stand niemand. Nur ein kleines Päckchen lag an Stelle einer Person auf der Veranda.
„Hallo?“, rief Babsi, doch niemand antwortete ihr.
Nur die frischen Fußspuren im Schnee deuteten darauf hin, dass jemand an der Tür gewesen ist. Und natürlich das kleine Geschenk.
Behutsam hob sie es auf, öffnete den Deckel und blickte auf einen rot-weiß gepunkteten kleinen Handschuh.
Julies Handschuh.
Den sie auf dem Weihnachtsmarkt verloren hatte.
Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
Wie war das möglich?
Wer wusste denn, dass der Handschuh ihrer Tochter gehörte und die weitaus größere Frage war ja, wer es wusste, dass sie Weihnachten dort und nicht zu Hause verbrachten?
Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie das Geschenk wieder verschloss und wieder nach drinnen verschwand. Kurz bevor sie die Tür schloss, vernahm sie ein tiefes Räuspern und blickte erneut in die Kälte hinaus.
„Chris?“
Mit seinen grasgrünen Augen lächelte er sie fröhlich an. Er war ordentlich eingemummelt in eine warme Winterjacke, dicke Hose und schwere Schuhe. In seiner rechten Hand hielt er eine Schnur.
Eine Schnur?
Nein.
Eine Leine.
Als Babsi sich zur Seite neigte, sah sie den Golden Retriever mit hängenden Ohren hinter Chris im Schneechaos sitzen.
„Bist du… seid ihr… ich meine…“, stotterte sie und wusste gar nicht, wonach sie zuerst Fragen sollte.
„Chris! Schön, dass Sie da sind. Kommen Sie doch rein!“, rief es plötzlich hinter Babsi und sie starrte ihre Mutter überrascht an.
Woher kannten sich die beiden?
„Ein Hund!“, quietschte es plötzlich los und Julie rannte ohne Schuhe oder Jacke in das Schneetreiben hinaus.
„Julie! Komm sofort zurück!“, ermahnte Babsi ihre Tochter streng.
„Entschuldige den Überfall, Babsi. Susann hat mir verraten, wo ihr heute Abend seid. Und deine Eltern haben mich eingeladen, dazuzustoßen.“
„Aber…“
„Können wir ganz kurz unter vier Augen reden?“
Innerhalb weniger Sekunden befanden sie sich allein auf der kalten Veranda und Chris trat endlich näher.
„Ich wollte es dir schon so lange sagen, aber ich habe mich einfach nicht getraut.“
„Was?“, flüsterte Babsi und wagte es kaum, ihm in die schönen Augen zu schauen.
„Dass ich dich mag.“
Wie ein Blitzschlag schoss ein Kribbeln durch ihren Körper und ihr wurde beinahe schwindelig.
Hatte sie das richtig verstanden?
Chris mochte sie? Der Chris, den sie seit Ewigkeiten heimlich in ihren Träumen anhimmelte?
„Aber ich dachte…“
„Susann hat mir alles erzählt.“
Oh, dieses Biest, dachte Babsi und Chris lachte, weil er wohl ihre Gedanken lesen konnte.
„Sei ihr nicht böse, ich habe sie mit meinem selbstgemachten Eierlikör bestochen.“ Schmunzelnd zauberte er eine kleine Flasche aus der Tasche und Babsi schüttelte den Kopf. Das wurde ja immer verrückter.
„Was auch immer sie dir erzählt hat, ist totaler Blödsinn.“
„Ach ja? Dann… magst du mich nicht?“
Jetzt sah sie ehrliche, blanke Enttäuschung in seinen Augen und hätte sich dafür selbst ohrfeigen können.
„Nein, ich meine, doch, ich…“
Und weiter kam sie nicht.
An diesem wunderschönen, winterlich-kalten Heiligabend senkte Chris seine kalten Lippen auf ihre und beide verloren sich in einem unglaublich intensiven ersten Kuss, der ein Feuerwerk an Emotionen in Babsi auslöste. Erst das unruhige Winseln des Hundes konnte sie wieder unterbrechen. Beide lachten verlegen und traten einen Schritt zurück.
„Das ist übrigens Chester. Er sieht vielleicht beeindruckend aus, aber glaub mir: Ein Würstchen und du bist seine beste Freundin auf Lebenszeit.“, lachte Chris und kraulte dem stämmigen Rüden hinter den Ohren, woraufhin dieser genüsslich zu brummeln begann.
„Deine Tochter wird ihn mögen.“
„Woher weißt du, dass sie Hunde mag?“
„Hm, lass mich überlegen…“, gab Chris gespielt zurück. „Woher könnte das Geschenk auf der Veranda gewesen sein?“
In all der Aufregung hatte Babsi es bereits wieder vergessen - Julies verlorener Handschuh. Ja, wie war der eigentlich dort gelandet?
„Der Weihnachtsmann…“, gab Chris ihr eine Hilfe, doch Babsi stand völlig auf dem Schlauch.
„Weihnachtsmann?“
„Ja. Auf dem Weihnachtsmarkt. Die Kleine auf meinem Schoß, der Briefkasten, ihre Wünsche…“
Jetzt fiel es Babsi wie Schuppen von den Augen!
„DU warst das?“
Chris lachte. „Seit drei Jahren bin ich der Weihnachtsmann hier. Ich liebe Kinder, nur blieb mir der Wunsch nach eigenen bisher unerfüllt.“ Kurz schaute er traurig zu Boden, bevor er sich wieder fasste. „Als sie auf meinem Schoß saß, hatte sie nur noch einen Handschuh an. Den Zweiten fand ich am Ende des Abends.“
Babsi fühlte sich wie in einem Traum.
Wie hatte ihr Leben sich innerhalb weniger Minuten so wandeln können?
Woher kam das plötzliche Glück und womit hatte sie das nur verdient?
Dieser wunderschöne Mann, sein Geständnis und seine Nähe betäubten ihr Herz beinahe. Lange, sehr sehr lange, hatte sie sich nicht mehr so leicht und beflügelt gefühlt, wie in diesem Moment.
„Möchtest du… ich meine, also…“, stammelte sie los.
„Ja, ich möchte sehr gerne mit hineinkommen.“, beantwortete er ihren unausgesprochenen Satz und küsste sie erneut auf die weichen, zarten Lippen.
„Chester doch hoffentlich auch, oder?“, fragte er lieber noch einmal nach, als sie sich bereits in Bewegung setzten. In diesem Moment öffnete sich die Tür und Julie steckte ihr neugieriges Köpfchen nach draußen.
„Ich glaube kaum, dass du auf Gegenwehr stoßen wirst.“, lachte Babsi und winkte ihre Tochter zu sich, die zuerst ihr und im Anschluss dem Golden Retriever einen Kuss verpasste.
Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht gingen sie ins Haus. Hinein in den Weihnachtsabend und in ein neues Leben.
 
 

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